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Ein Andenken aus dem Urlaub von Marlis Kittel |
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Eigentlich war es gar kein Urlaub, weshalb ich mal wieder nach Cuxhaven fuhr. Ich war auf einer Hochzeit bei Freunden eingeladen. Zusätzlich wollte ich den Aufenthalt dort oben nutzen, um eine Reportage über den Tag der Seenotretter zu machen.
Seit mein Mann im Jahre 1999 verstorben war, fuhr ich oft nach Cuxhaven. Er hing an seiner Heimat, der Waterkant, und war vor der Insel Neuwerk auf See bestattet. Ich fühlte mich ihm dort oben sehr nah. Außerdem hatte ich mit der Mannschaft des dortigen Seenotkreuzers meine frühere Freundschaft wieder aufgefrischt. Sie waren seit dem Tod meines Mannes wie eine Familie für mich geworden.
Als ich am 4.7.2001 mit dem Taxi vor dem Hotel eintraf, in dem ich inzwischen Stammgast war, fiel mir auf dem Parkplatz ein Wagen mit Dortmunder Kennzeichen auf. "Gäste aus meiner Ecke", dachte ich so für mich. Das war es auch schon. Ich bezog mein Zimmer, packte rasch den Koffer aus und marschierte dann zum Schiff, um den Freunden "Hallo" zu sagen.
Am nächsten Morgen traf ich im Frühstücksraum ein seltsames Pärchen an. Wo man sonst eher ältere Männer mit jungen Begleiterinnen sah, die man leicht für Vater und Tochter hätte halten können, saß hier nun eine ältere Dame mit deutlich jüngerem Herrn. Auch er war schon recht grau, doch niemals hätte ich die Beiden für Mutter und Sohn gehalten. Mein erster Gedanke war: Endlich mal eine Frau, die sich einen jüngeren Mann angelacht hat.
Während des Frühstücks kam der Mann auffallend oft an meinem Tisch vorbei, um sich noch etwas vom Frühstücksbüfett zu holen. Schließlich fragte er mich, ob er einen Teil meiner Zeitung haben könnte. Es war nicht meine Zeitung, sondern die vom Hotel. Das sagte ich ihm und reichte sie ihm. Damit kam ein erstes Gespräch in Gang. Am Abend traf ich die Beiden erneut und wieder sprach mich der Mann an. Sie wollten noch einen Spaziergang machen. Ob ich nicht Lust hätte, sie zu begleiten.
Da ich am Abend nicht gerne alleine ausging, schloss ich mich ihnen gerne an. Und nun erfuhr ich im Gespräch mit der älteren Dame, das es sich bei ihrem Begleiter um ihren jüngsten Sohn handelte. Sie berichtete, das sie noch einen zweiten, älteren Sohn hatte und auch er sei, wie dieser hier, ledig. Mal fahre sie mit dem einen, mal mit dem anderen in Urlaub.
Ich hörte zu und dachte mir meinen Teil. Wahrscheinlich waren es zwei Muttersöhnchen, die sie nicht von der Leine ließ! (Wie schnell ist man doch mit Vorurteilen bei der Hand? Sicher liebt sie ihre Jungens über alles und welche Mutter tut das nicht? Und die beiden lieben ihre Mama über alles. Ich liebe sie ja inzwischen auch, aber das wäre zu weit in der Geschichte vorgegriffen.)
Der Zufall wollte es, so glaubte ich jedenfalls, das mir die Beiden immer wieder über den Weg liefen. Cuxhaven war auf einmal ein Dorf. Inzwischen weiß ich jedoch, das der grauhaarige Herr mit dem seltenen Namen Gotthard jedes mal beim Frühstück aufhorchte, wenn der Hotelier mich nach meinen Plänen für den Tag fragte. Außerdem wohnte Gotthard im Zimmer unter mir, so dass er genau hörte, wann ich ging und kam. Zum Glück erfuhr ich das erst viel später.
Dann kam der Tag der Seenotretter. Gleichzeitig war für den Morgen die Ankunft des Passagierschiffes DEUTSCHLAND angekündigt. Ich hätte gerne gesehen, wie dieser große "Pott" im Morgendunst auftauchte. Leider war ich zu spät dran. Gotthard kam mir bereits auf dem Deich entgegen. Er erzählte stolz, er habe die Ankunft des Schiffes gefilmt und fotografiert. Die DEUTSCHLAND war eine Stunde früher, als in den Zeitungen angekündigt, in Cuxhaven eingelaufen. Da Gotthard inzwischen wusste, das ich eine engere Beziehung zu den Rettungsmännern hatte, bat er mich um einen Gefallen. Ich sollte herausfinden, wann die Seenotretter ihre Manöver fuhren. Das hätte er gerne mit der Videokamera gefilmt. Allerdings wollte er auch mit seiner Mutter die DEUTSCHLAND besuchen, die am Steubenhöft festgemacht hatte. Beim Frühstück tauschten wir also unsere Visitenkarten mit unserer Handynummer aus. So erfuhr ich, das wir eigentlich Zuhause nur einen Sprung voneinander entfernt wohnten. Zufall? Schicksal?
Bei den Seenotrettern herrschte an diesem Morgen große Aufregung. Die WAPPEN VON HAMBURG, die eigentlich wie jeden Morgen nach Helgoland fahren sollte, blieb ausgerechnet an diesem Tag wegen Maschinenschaden an ihrem Liegeplatz im Alten Fährhafen liegen. Pech für die Rettungsmänner, denn genau dort sollte der Seenotkreuzer "HERMANN HELMS" liegen, der am Tag der Seenotretter für die Besucher zur Besichtigung freigegeben war. Nun musste rasch umdisponiert werden. Man holte ihn von seinem Liegeplatz weiter nach vorne. Die Stände wurden von den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern am Kai davor aufgebaut.
Ich sah dem hektischen Treiben interessiert zu, machte mir Notizen und hin und wider ein Foto. Gegen Mittag ging ich zum Essen in den Fährhafen, ein Lokal direkt in der Nähe. Als ich zum Schiff zurückkam, lief ich Gotthard und seiner Mutter in die Arme. Ich teilte ihm mit, was ich vom Vormann des Seenotkreuzers erfahren hatte. Es würde Nachmittag werden, bevor die Retter ihre Manöver den Zuschauern vorführten. Mit dieser Nachricht glaubte ich, Gotthard los zu sein. Doch weit gefehlt. Er klebte von nun an an meinen Hacken. Seine Mutter hatte längst aufgegeben. Sie suchte sich in der Sonne ein ruhiges Plätzchen. Meine Freunde auf dem Schiff bemerkten meinen Verfolger und fragten: "Was will der von dir?" Ich zuckte die Schultern. Und als ich am Nachmittag leicht genervt an Bord kam und sie ihn erneut in meinem Gefolge entdeckten, versteckten sie mich auf dem Schiff. Aber es nützte alles nichts. Spätestens im Hotel war er wieder da.
Auch am nächsten Tag das Gleiche und am Abend fragte er mich erneut, ob ich einen Spaziergang mit ihm machen würde. Dieses Mal waren wir allein. Wir redeten über alles mögliche. Einige Male hatte ich das Gefühl, das er mich am liebsten in die Arme genommen hätte. Er tat es nicht und das war gut so, denn zu dem Zeitpunkt war ich einfach noch nicht bereit. Auch die nächsten Tage war er mit seiner Mutter unterwegs, aber immer wieder kreuzten sie beide meinen Weg. Und dann kam ihr letzter Urlaubstag. Sie wollten noch eine Fahrt mit dem Schiff durch den Nord-Ostsee-Kanal machen. Gleich zu Anfang meines Urlaubs hatte ich Interesse gezeigt. Nun konnte ich nicht mehr zurück. Ich spürte, das sich da etwas anbahnte, was ich im Grunde nicht wollte. Außerdem war Gotthard sechs Jahre jünger. Konnte so etwas überhaupt gut gehen?
Es war ein seltsames Gefühl, so zwischen Mutter und Sohn zu sitzen. Alles erinnerte mich an meine Ehe. Und dann war da wieder eine Schwiegermutter. Ich hatte keine gute Erinnerung daran, vor allem an die Zeit nach dem Tod meines Mannes. Seine Mutter und seine Geschwister hatten mich tief enttäuscht. Das konnte ich einfach nicht vergessen. Und meinen Mann wollte ich nicht vergessen. Dreißig Jahre durch dick und dünn, das schweißt zusammen, selbst nach dem Tod.
Mir wurde es dort unten im Bauch des Schiffes einfach zu eng und ich flüchtete an Deck. Doch Gotthard ließ mich nicht allein. Er folgte mir auch jetzt. So standen wir dicht nebeneinander an der Reling. In seinen Augen las ich Sorge und Verwirrung. Auch in mir herrschte ein Chaos. Bei unserer Rückkehr am Abend fragte er mich erneut, ob ich mit ihm spazieren gehen würde. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Einsetzender Regen nahm mir schließlich die Entscheidung ab. Irgendwie war ich erleichtert. Am Morgen, nach dem Frühstück, wünschte ich den Beiden eine gute Heimfahrt und flüchtete aus dem Hotel. Ich hoffte, nach dem schlauen Spruch "Aus dem Auge, aus dem Sinn", nie wieder von ihm zu hören. Urlaubsbekanntschaften haken die meisten ja sehr schnell als Vergangenheit ab. Am Abend bimmelte jedoch mein Handy. Es war Gotthard. Er teilte mir mit, das er gut zu Hause angekommen sei. Das rechnete ich ihm hoch an.
Am nächsten Tag war ich wieder zu Gast bei den Rettungsmännern. Der junge Vormann war von seinem älteren Kollegen abgelöst worden. Jörg kannte ich schon fast zwanzig Jahre. Er war ein Jahr älter als ich. Nun erfuhr er von den jüngeren Besatzungsmitgliedern von meinem Verehrer. Verlegen winkte ich ab. "Der ist schon wieder nach Hause." Jörgs Augen musterten mich kurz, dann erhob er sich.
"Komm, ich muss auch an Land", meinte er. "Ich bringe dich ein Stück."
Eigentlich war ich ja gerade erst gekommen. Aber Jörg hatte eine bestimmte Art, einem Dinge mitzuteilen, auch ohne viel Worte. Er wollte mit mir reden, allein, und das tat er, sobald wir ein Stück vom Schiff entfernt waren. Er hielt mir eine richtige Standpauke.
"Wir in unserem Alter haben nicht mehr viel Zeit. Nimm was du kriegen kannst, egal wie lange es dauert. Genieße es einfach."
All meine Bedenken, die ich nun vorbrachte, wischte er mit einer unwilligen Handbewegung fort. In den Tagen danach hörte ich immer wieder Jörgs Worte. Auch ich hatte oft zu meinem Mann gesagt: "Ich will nicht, das du allein bleibst, falls ich vor dir sterbe." Irgendwie hatte Jörg Recht, aber nun schwieg mein Handy. Da versuchte ich zweimal die Festnetznummer, die auf der Visitenkarte stand, zu erreichen. Es meldete sich ein Anrufbeantworter mit einer fremden Stimme (Er hatte ihn von seinem Bruder besprechen lassen). Enttäuscht gab ich auf. Es sollte wohl nicht sein.
Ich siedelte zu Freunden über, und dort war die Zeit mit Hochzeitsvorbereitungen ausgefüllt. Dann kam die Hochzeit und schließlich meine Abreise. Mein Handy hatte geschwiegen. Zu Hause angekommen, meldete ich mich bei allen zurück. Mein Bruder war es, der nach meinem Verehrer aus Cuxhaven fragte. Ich hatte ihm ganz zu Anfang meines Urlaubs davon erzählt, weil er in der selben Stadt wie Gotthard wohnte. Als ich aufgelegt hatte, hörte ich wieder Jörgs Stimme: Nimm, was du kriegen kannst! So wählte ich erneut Gotthards Festnetznummer. Dieses Mal war er selbst am Apparat. Irgendwie war ich erschrocken, aber dann riss ich mich zusammen. Ich tat ja nur das, was er auch getan hatte: ich meldete mich zurück.
"Ist heute denn schon der 24te", fragte er erstaunt. "Ich hätte mich auf jeden Fall morgen bei Ihnen gemeldet."
Ich war mir nicht sicher, ob das der Wahrheit entsprach. Er fragte mich nach dem Rest meines Urlaubs. Dann sprach er vom Wochenende. Seine Kollegen und er wollten in meiner Heimatstadt die Fahrt einer Dampflok filmen, danach würde er mich gerne besuchen. Ich sagte zu, aber ich glaubte ihm das mit der Dampflok nicht. Warum benutzte er solche Ausreden?
Das Wochenende kam und mit ihm mein Verehrer. Mit ziemlicher Verspätung traf er ein, für mich ein Beweis, das die Dampflok und seine Kollegen keine Ausrede waren. Erst kam die Lok und dann ich. Ich ging zu ihm hinunter und wir machten einen Spaziergang. Dabei erzählte er, das er erst suchen musste, wo ich wohne. Auf keinen Fall wollte ich ihn in die Wohnung lassen, dazu kannten wir uns noch nicht gut genug. Doch auch an diesem Abend benahm er sich korrekt.
Wenn ich heute daran zurückdenke, war es schon verrückt. Als er im Dunkeln davonfuhr, tat er mir irgendwie leid. Trotzdem kam er am nächsten Abend wieder, aber nicht, ohne sich vorher anzumelden. Das gefiel mir. Wir gingen wieder spazieren und anschließend nahm ich ihn mit hinauf. Er kam nun jeden Tag. Wenn er fuhr, fühlte ich, das er mir fehlen würde, wenn er nicht mehr kam. So gab ich schließlich nach und tat das, was Jörg mir geraten hatte: Nimm was du kriegen kannst!
Auch Gotthard hatte viel nachzuholen. Er war viel zu lange allein gewesen. Wir waren glücklich und sind es immer noch. Zu Weihnachten fuhren wir erneut nach Cuxhaven, ins gleiche Hotel. Dann gingen wir zu den Rettungsmännern. Erst einmal wollte ich mich bei Jörg bedanken. Seine Worte hatten bei mir eine Mauer eingerissen, eine Mauer, hinter der ich mein Herz begraben hatte. Für Heiligabend war nicht nur eine Bescherung auf dem Schiff geplant. Wir wollten einen für uns wichtigen Schritt tun und dabei sollten die Menschen Zeuge sein, die an unserem Glück mitgebaut hatten. Wir verlobten uns. Eine Heirat halten wir nicht für so wichtig, denn wir fühlen uns auch so wie Mann und Frau. Jeder ist für den anderen verantwortlich. Längst hat Gotthard seine Selbstständigkeit aufgegeben und ist zu mir gezogen. Jetzt hat er ein Zuhause, in dem ihn nach der Arbeit sehnsüchtig jemand erwartet. Wir wünschen uns beide, dass es lange so bleibt.
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Doch das Glück ist ein zartes Pflänzchen, das immer gepflegt und behütet sein will! |
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